Buchtipps

Mercè Rodoreda – Der Garten über dem Meer

Lesetipp von Monika Giehr

Merce Rodoreda, die große katalanische Schriftstellerin, starb 1983. Die vorliegende Erzählung „der Garten über dem Meer“ wurde 2016 erstmals ins Deutsche übersetzt.
Die Geschichte spielt in den späten 20er Jahren in einem herrschaftlichen Anwesen. Der Gärtner lebt auf dem Anwesen und kümmert sich liebevoll und kenntnisreich um die Pflanzen im Park. Dabei beobachtet er die reichen Besitzer. Durch seine Augen erlebt der Leser die Geschichte des jungen Paares Francesc und Rosamaria, das zuerst noch beneidenswert glücklich scheint. Im Laufe der Jahre entstehen allerdings immer tiefere Risse in der Idylle…
Es ist eine leise und melancholische Erzählung, sie handelt vom Blühen und Vergehen von Liebe und Leben.

Auf jeden Fall lesenswert!

 

Y uval Noah Harari – Eine kurze Geschichte der Menschheit

Mit Geschichtsbüchern ist das ja so eine Sache :), sie können ganz schön dröge daherkommen – als einfache historische Faktensammlung oder so wie hier: gleichermaßen lehrreich wie unterhaltsam.

Der erst 38jährige israelische Universalprofessor legt mit diesem Buch eine brillante Anaylse des Handelns unserer Spezies in den letzten 70.000 Jahren vor. Ein Buch, das einen unglaublich in seinen Bann zieht, einem in vielerlei Hinsicht auch die Augen öffnen kann, wie wir zu dem Punkt gekommen sind, an dem wir heute stehen.

Aber so sagt er:

„Trotz unserer erstaunlichen Leistungen haben wir nach wie vor keine Ahnung, wohin wir eigentlich wollen, und sind so unzufrieden wie eh und je.“

ZEIT WISSEN bringt es auf den Punkt:

„Yuval Noah Harari schreibt präzise, klug – und vor allem so, dass man gar nicht aufhören will zu lesen. Dieses Buch lässt Hirne wachsen“.

Jetzt freue ich mich schon auf auf sein zweites Buch: Homo Deus

Dass ich auf diesen Titel stieß, verdanke ich übrigens unserem Urlaub auf Gran Canaria vor einigen Monaten. Ständig und überall hielten Männer wie Frauen dieses Buch in der Hand.

Welch ein Glück, dass diese Menschen nicht auf EReadern lasen! Das ist leider ein kleiner Nachteil von EReadern, man sieht nicht mehr, was die Menschen lesen und viele nette, spontan entstehende Gespräche kommen gar nicht mehr zustande.

Beide Bücher natürlich bei uns in der Bücherei 🙂

 

 

Mechtild Borrmann – Trümmerkind

erschienen im November 2016; 304 Seiten

Klappentext: In ihrem neuen Roman „Trümmerkind“ beschreibt die mit dem Deutschen Krimipreis ausgezeichnete Bestseller-Autorin Mechtild Borrmann das Leben eines Findelkinds im vom Krieg zerstörten Hamburg von 1946 / 1947. Spannung und historisches Zeitgeschehen miteinander zu verknüpfen, versteht Borrmann, die auch für den renommierten Friedrich-Glauser-Preis nominiert war, wie keine andere deutsche Autorin. Dies stellt sie mit ihren Bestsellern „Wer das Schweigen bricht“, „Der Geiger“ und „Die andere Hälfte der Hoffnung“ (alle auch bei uns in der Ausleihe) und ihrem neuen Roman „Trümmerkind“ eindrucksvoll unter Beweis.

Der kleine Hanno Dietz schlägt sich mit seiner Mutter im Hamburg der Nachkriegsjahre durch. Steine klopfen, Altmetall suchen, Schwarzhandel – das ist sein Alltag. Eines Tages entdeckt er in den Trümmern eine Tote – und etwas abseits einen etwa dreijährigen Jungen, der erstaunlich gut gekleidet ist. Das Kind spricht kein Wort, Verwandte sind nicht auffindbar. Und so wächst das Findelkind bei den Dietzens auf. Jahre später kommt das einstige Trümmerkind durch Zufall einem Verbrechen auf die Spur, das auf fatale Weise mit seiner Familie verknüpft ist …“

Eine bis heute nicht aufgeklärte Mordserie in Hamburg, die sog. Trümmermorde aus dem Jahre 1947, inspirierten Mechtild Borrmann zu ihrem Roman. Die Polizei suchte mit 50.000 Plakaten vergeblich in allen vier Besatzungszonen nach Angehörigen der aufgefundenen Toten. Zufällig stieß Mechtild Borrmann auf den Fall und war sogleich elektrisiert: „Weil mich fasziniert hat, dass diese Menschen nie identifiziert worden sind. Diese Toten haben bis heute keine Namen, man weiß nicht, wo die herkamen. Dann hatte ich das dringende Bedürfnis, denen eine Identität zu geben, wenn auch nur eine fiktive.“

Weiter sagte Mechtild Borrmann in einem Interview: „Ich verstehe meine Bücher schon auch als Information. Ich schreibe bewusst Unterhaltungsliteratur, ich möchte Leute unterhalten, aber ich möchte auch etwas transportieren.“

Für ihren Roman sprach die Autorin mit Zeitzeugen, wälzte Akten des Hamburger Staatsarchivs und hat die entsprechenden Schauplätze besucht.

Das Buch ist richtig packend und bewegend; die Autorin versteht es in besonderer Weise Stimmungen und Situationen zu beschreiben.

 

In diesem Monat gibt es gleich eine Trilogie als Buchtipp des Monats.

Diese Empfehlung und Buchbesprechung stammt wieder aus der Feder unserer Leserin Frigga Johann.

Vielen herzlichen Dank für diese besondere Empfehlung.

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Jane Gardam – Ein untadeliger Mann

Empfehlung von Frigga Johann

Die fast 90jährige engliche Schriftstellerin Jane Gardam hat mit ihrem Buch „Ein untadeliger Mann“ nun auch die deutschen LeserInnen erreicht. In ihrer Heimat ist sie für ihr reiches und vielschichtiges Schaffen schon lange bekannt, beliebt und mehrfach ausgezeichnet. Mit dem untadeligen Mann, einem Kronanwalt des britischen Empire ist ihr ein wunderbares Buch gelungen. Edward Feathers, spöttisch Old Filth genannt, Gentlement vom Scheitel bis zur Sohle, aber auch ganz groß in der Verdrängung von Schmerz und chaotischen Lebensverhältnissen, beginnt nach dem Tod seiner Frau Betty an seinem Verdrängungsmechanismus zu rütteln. Er erkundet quasi zusammen mit dem Leser sein Leben. So erfährt man, dass Old Filth eine Raiy-Waise war und was er fürchterliches erlebt hat. Und weil das Buch mit ganz viel Empathie geschrieben ist, kommt es dennoch nicht traurig daher. Im Gegenteil, das Buch zaubert einem öfter ein Lächeln oder Schmunzeln ins Gesicht. Einfach lesenswert!

Verlagsmitteilung:
Alles an Edward Feathers ist ohne Fehl und Tadel seine Garderobe, seine Manieren und sein Ruf als Anwalt mit glänzender Karriere in Hongkong. Nun ist er alt und muss mit dem Tod seiner Frau Betty zurechtkommen, so wie er immer mit allem zurechtgekommen ist. Seine perfekte Haltung täuscht alle und manchmal sogar ihn selbst. Doch mit Bettys Tod bricht etwas in ihm auf, und behutsam beginnt Feathers, vergangene Ereignisse ans Licht zu holen. An einem kalten englischen Wintermorgen setzt er sich ans Steuer seines Wagens und fährt los, das eigene Leben zu erkunden … Jane Gardam wurde 1928 in North Yorkshire geboren. Als einzige Schriftstellerin wurde sie gleich zweimal mit dem Whitbread/Costa Award ausgezeichnet. Mit „Ein untadeliger Mann“ stand sie auf der Shortlist des Orange Prize und mit „Letzte Freunde“ auf der Shortlist des Folio Prize 2013. Sie ist Fellow der Royal Society of Literature und lebt in East Kent.

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Gardam, Jane – Eine treue Frau

Empfehlung von Frigga Johann

Der 2. Band der Triologie von Jane Gardam! Er liest sich so leicht und schmunzelnd wie der erste Band „Ein untadeliger Mann“. Geschildert wird auf gleichen Zeitebenen wie im ersten Band, die Geschichte von Old Filth und seiner Frau Betty, diesmal aus Bettys Sicht. Angefangen von dem überaus korrekten Heiratsantrag, der Begegnung mit Old Filths schlimmstem Feind bis zum Vergraben einer Perlenkette ist dieses Buch ein wahres Vergnügen!!!

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Jane Gardam – Letzte Freunde

Empfehlung von Frigga Johann

Doppelbödig, fesselnd, witzig, böse, anrührend, so hat DIE ZEIT über die Triologie von Jane Gardam geschrieben. Und dem ist aus meiner Sicht eigentlich nichts hinzuzufügen. Hauptperson des 3. Bandes ist Terry Veneering, der ärgste Rivale von Old Filth, beruflich wie privat. Beide sind hervorragende Juristen, sind Gegner in vielen Prozessen und hassen einander bereits, bevor sie sich in die gleiche Frau verlieben. Das Buch beginnt nachdem die „Titanen nicht mehr waren. Sie ihre letzte Reise angetreten haben“. Erzählt wird diesmal aus der Perspektive der überlebenden Freunden. Auch hier liebvoll geschildert und manchmal urkomisch. Mein Tipp, in den ersten beiden Büchern nicht nur die Hauptpersonen beachten. Die 3 Bücher können sicher auch in unterschiedlicher Reihenfolge gelesen werden, aber gerade der 3. und damit letzte Band, der zeitlich auch später spielt, beschließt die Geschichte. Lesenswert!!!

 

 

Kristin Hannah – Die Nachtigall

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Die Autorin war mir bisher eher für leichte, unterhaltsame Frauenromane bekannt. Ihr neu erschienener Roman „Die Nachtigall“, in dem sie sich zum ersten Mal einem historischen Stoff widmet, findet so beachtliche Aufmerksamkeit, dass ich richtig neugierig auf dieses Buch wurde.

Kristin Hannah entwirft ein erschütterndes Portrait der Nazi-Besetzung Frankreichs. Im Mittelpunkt der Geschichte stehen die beiden Schwestern Vianne und Isabelle, die auf den ersten Blick völlig unterschiedlich sind. Während Vianne nach der Einberufung ihres Mannes versucht, sich unauffällig zu verhalten, um ihre Tochter zu schützen, geht Isabelle in den Widerstand. Gerade auch diese so unterschiedlichen Beschreibungen von Stärke und Mut der beiden Protagonistinnen machen das Buch so lesenswert.

Die bildhafte Erzählweise von Kristin Hannah lässt uns hautnah die Gräueltaten der Nazis miterleben. Der Hunger, die Kälte, die allgegenwärtige Angst wird auf so erschreckende Weise spürbar, als wäre man selbst mitten im Geschehen. Und es wird einem bewusst, wie zerbrechlich das Leben ist, wie wichtig ein geeintes Europa für den Frieden in Europa ist.

Es ist ein eindringliches Buch gegen das Vergessen. Gerade auch angesichts der aktuellen Situation von Flüchtlingen müssen wir uns bewusst sein, was aus menschenverachtenden Parolen entstehen kann.

Hinweis: Auf dem Innencover befindet sich eine Karte Frankreichs mit der Demarkationslinie und auch der beschwerliche Pfad, auf dem Isabelle abgeschossene Piloten über die Pyrenäen nach Spanien brachte, ist eingezeichnet.

 

Ayelet Gundar-Goshen: Löwen wecken

Löwen wecken

Der Neurochirurg Etan überfährt einen illegalen Einwanderer. Es gibt keine Zeugen, und der Mann wird ohnehin sterben -warum also die Karriere gefährden und den Unfall melden? Doch tags darauf steht die Frau des Opfers vor der Haustür des Arztes und macht ihm einen Vorschlag, der sein geordnetes Leben komplett aus der Bahn wirft. Verschärfend kommt hinzu, dass die Ehefrau des Arztes mit der Ermittlung in diesem Fall betraut ist.

Wie hätte man selbst in einer solchen Situation gehandelt? Diese Frage schwebt über dem Roman, der die Grenzen zwischen Liebe und Hass, Schuld und Vergebung und Gut und Böse meisterhaft auslotet. Etan wollte sein seine Karriere, sein Familienleben nicht aufs Spiel setzen – und setzte am Ende sich selbst auf’s Spiel.

Handelt es sich nun eher um einen Krimi oder einen Gesellschftsroman – auf jeden Fall ist es ein literarisches Kleinod.

Lesen!!!

Bei dieser Gelegenheit möchte ich auch gerne den ersten Roman der Autorin „Gute Nacht, Markowitz“ empfehlen, der mit Lebensklugheit und sprachlich bestechender Leichtigkeit überzeugt.

 

 

 

 

Celeste Ng: Was ich euch nicht erzählte

erschienen am 27. Mai 2016, 288 Seiten

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Der Roman von Celeste Ng führt uns in das Amerika der 70er Jahre. Lydia, die 16jährige Tochter erscheint nicht zum Frühstück und wird wenige Tage später tot aus einem See geborgen. Die Familie, Vater, Mutter und zwei Geschwister sind geschockt, viele Fragen tauchen auf. Wurde sie ermordet oder war es Selbstmord? Oder war doch alles ganz anders?

Vor unseren Augen entsteht das Bild einer Familie, in der vieles verschwiegen wird, Dinge nur halb gesagt wird, dem anderen nur halb zugehört wird. Schweigen, weil nicht sein kann, was nicht sein darf. Was wissen diese Familienmitglieder eigentlich voneinander?

Der Vater ist in Amerika geboren, seine Eltern waren chinesische Einwanderer. Sich anpassen, nur ja nicht auffallen ist sein ganzes Bestreben. Er schafft es zum College-Professor – Integration geglückt? Seine Frau war vor ihrer Ehe Medizin-Studentin, längst noch nicht selbstverständlich für die 50er Jahre. Ihr Wunsch war es auszubrechen aus der vorgefertigten Schablone einer Frau ihrer Zeit. Stattdessen heiratet sie, wird schwanger und projiziert all ihre Wünsche und Ziele mit Nachdruck auf ihre Lieblingstochter Lydia.

Die Geschichte wird aus den Blickwinkeln der verschiedenen Familienmitglieder erzählt, jeder von ihnen legt natürlich seine eigenen Maßstäbe an. Celeste Ng erzählt vorsichtig, abwägend, aber dennoch kraftvoll und hat mich voll in ihren Bann gezogen.

Für mich war dieses Buch mit seiner Vielschichtigkeit ein Lesehighlight in diesem Jahr und ich bin sehr gespannt auf weitere Bücher aus der Feder von Celeste Ng.

Celeste Ng (sprich: Ing) wuchs auf in Pittsburgh, Pennsylvania und in Shaker Heights, Ohio. Ng studierte in Harvard und machte ihren Master an der University of Michigan. Sie schrieb Erzählungen und Essays, die in verschiedenen literarischen Magazinen erschienen und mit dem Hopwood Award und dem Pushcart Prize ausgezeichnet wurden. ‚Was ich euch nicht erzählte‘ ist ihr erster Roman, ein New York Times-Bestseller, der, vielfach prämiert, in 20 Sprachen übersetzt wurde und auch verfilmt wird.

 

Raquel J. Palacio: Wunder

Wunder

August, genannt Auggie, ist ein 10-jähriger Junge und er ist etwas Besonderes. Durch einen doppelten Gen-Defekt ist sein Gesicht sehr entstellt. „Ich weiß, dass ich kein normales zehnjähriges Kind bin. Ich meine, klar, ich mache normale Sachen. Ich esse Eis. Ich fahre Fahrrad. Ich spiele Ball. Ich habe eine Xbox. Solche Sachen machen mich normal. Nehme ich an. Und ich fühl mich normal. Innerlich. Aber ich weiß, dass normale Kinder nicht andere normale Kinder dazu bringen, schreiend vom Spielplatz wegzulaufen … Ich heiße übrigens August. Ich werde nicht beschreiben, wie ich aussehe. Was immer ihr euch vorstellt – es ist schlimmer.“

Er hat bereits über zwanzig Operationen hinter sich. Aus diesem Grund war er auch bisher noch in keiner Schule, sondern wurde von seiner Mutter zu Hause unterrichtet. Das soll sich jetzt ändern, Auggie soll in eine öffentliche Schule.

Das Buch erzählt Auggies erstes Schuljahr aus dessen eigener Perspektive, aber auch aus Sicht seiner Schwester und einiger Freunde.

„Ich gebe zu, an Augusts Gesicht muss man sich erst gewöhnen. Ich sitze jetzt seit zwei Wochen neben ihm, und sagen wir mal, er ist nicht gerade der sauberste Esser der Welt. Aber davon abgesehen ist er ziemlich nett. Ich sollte wohl auch noch sagen, dass er mir gar nicht mehr groß leid tut. Das hat mich vielleicht beim ersten Mal dazu gebracht, mich neben ihn zu setzen, aber es ist nicht der Grund, weshalb ich immer noch bei ihm sitze. Ich bin bei ihm sitzen geblieben, weil es lustig ist mit ihm.“

Und wie natürlich an allen Schulen gibt es auch in dieser Geschichte Kinder, die mobben, die in Auggie das perfekte „Opfer“ finden und natürlich Eltern, die sich da auch noch einmischen müssen.

Das Buch hat mich unglaublich berührt. Bücher sind dann gute Bücher, wenn sie etwas in uns auslösen, uns dazu anregen, unser Verhalten mal aus anderer Sicht betrachten. Wie reagiere ich auf Menschen mit solchen Auffälligkeiten? Von Kindheit an lernt man, nicht hinzu“starren“, also schaue ich schnell – erschrocken – weg? Auggie sagt uns, was er davon hält.

„Wunder“ ist ein wunderbares Buch. Ok, am Ende gerät es etwas nah an die Honiggrenze, wird etwas hollywoodmäßig (aber es stört nicht 😉 ).

In seiner Jahresabschlussrede fordert der Direktor von Auggies Schule, „immer ein wenig freundlicher zu sein als unbedingt nötig“. Tu ich das jetzt als Kalenderweisheit ab oder ist es vielleicht doch alltagstauglich? Man könnte es ja mal probieren….

Das Buch ist ein All-Age-Roman, es wird an manchen Schulen als Klassenlektüre bereits in der 5. Klasse behandelt. Also unbedingt lesen und weiterempfehlen 🙂

 

Juli Zeh: Unterleuten

„Manchmal kann die Idylle auch Unterleutendie Hölle sein. Wie das Dorf „Unterleuten“ irgendwo in Brandenburg. Wer nur einen flüchtigen Blick auf das Dorf wirft, ist bezaubert von den altertümlichen Namen der Nachbargemeinden, von den schrulligen Originalen, die den Ort nach der Wende prägen, von der unberührten Natur mit den seltenen Vogelarten, von den kleinen Häusern, die sich Stadtflüchtlinge aus Berlin gerne kaufen, um sich den Traum von einem unschuldigen und unverdorbenen Leben außerhalb der Hauptstadthektik zu erfüllen. Doch als eine Investmentfirma einen Windpark in unmittelbarer Nähe der Ortschaft errichten will, brechen Streitigkeiten wieder auf, die lange Zeit unterdrückt wurden. Denn da ist nicht nur der Gegensatz zwischen den neu zugezogenen Berliner Aussteigern, die mit großstädtischer Selbstgerechtigkeit und Arroganz und wenig Sensibilität in sämtliche Fettnäpfchen der Provinz treten. Da ist auch der nach wie vor untergründig schwelende Konflikt zwischen Wendegewinnern und Wendeverlierern. Kein Wunder, dass im Dorf schon bald die Hölle los ist … Mit „Unterleuten“ hat Juli Zeh einen großen Gesellschaftsroman über die wichtigen Fragen unserer Zeit geschrieben, der sich hochspannend wie ein Thriller liest. Gibt es im 21. Jahrhundert noch eine Moral jenseits des Eigeninteresses? Woran glauben wir? Und wie kommt es, dass immer alle nur das Beste wollen, und am Ende trotzdem Schreckliches passiert?“

Mit „Unterleuten“ ist Juli Zeh nicht nur ein großartiger Gesellschaftsroman gelungen.

Es ist ein sprachliches Meisterwerk, dabei fesselnd wie ein Thriller. Ich musste das Buch zweimal lesen, beim ersten Mal zog es mich wie ein Sog durch die Geschichte, das zweite Mal wollte ich in erste Linie die grandiose Sprache genießen.

Juli Zeh hat einen Roman geschrieben, der sich einfach nicht zwischen zwei Buchdeckel pressen lässt, nein, das Dorf Unterleuten „lebt“, wie man hier www.unterleuten.de feststellen wird.

„Unterleuten“ gehört zu den besten Büchern, die ich je gelesen habe (oder ist es sogar das Beste?)

 

Buchtipp des Monats – Mai –

Benedikt Wells: Vom Ende der Einsamkeit

Der Vom Ende der Einsamkeitachtjährige Jules ist der Ich-Erzähler in Benedict Wells’ neuem Roman. Er lebt mit seinen beiden älteren Geschwistern ein behütetes Leben bis seine Eltern bei einem Autounfall ums Leben kommen. Die Geschwister kommen in ein staatliches Internat, sie verlieren die Bindung zueinander und werden sich fremd. Aus dem kleinen, selbstbewussten Jules wird ein zutiefst unsicherer Einzelgänger. Zwar findet er in seiner Mitschülerin Alva seine große Liebe, verliert sie aber nach der Schulzeit, weil er ihr seine Gefühle nicht offenbaren kann. So viel sei gesagt: Sie begegnen sich wieder, allerdings ist Alva da bereits verheiratet.

Der Roman von Benedict Wells hat mich zutiefst beeindruckt. Über dreißig Jahre begleitet der Leser die drei Geschwister in ihrem Leben. Es geht um Angst, Verlust und Einsamkeit, um die Frage, wie man durch’s Leben kommt, wenn man in so jungen Jahren beide Eltern verliert.

„Wie kann ein 31-Jähriger ein so unfassbar trauriges Buch schreiben?“ wurde Benedikt Wells gefragt. „Unfassbar traurig“ trifft es für mich eigentlich nicht, aber die Charaktere sind so tiefgehend gezeichnet, dass die Geschichte beim Leser noch lange nachwirkt.

Gefühlte 100 Sätze hätte ich mir in diesem Buch markieren wollen, um sie immer wieder zu lesen. Benedict Wells ist einfach ein herausragender, wundervoller Erzähler. Für mich ein Buch, dass man gelesen haben muss.

„Eine schwierige Kindheit ist wie ein unsichtbarer Feind: Man weiß nie, wann er zuschlagen wird.“